Wie mein Leben wieder langsamer wurde

 

„Die Zeit rast gerade nur so an mir vorbei“, „Unglaublich, das Jahr ist schon wieder zur Hälfte vorbei.“ 

Kommt dir das auch bekannt vor? Ich habe diese Sätze früher häufig benutzt mit dem erschreckenden Gefühl, dass die Zeit umso schneller vergeht, je älter ich werde. Eigentlich ist Zeit doch ein vorhersehbares Phänomen. Eine Stunde hat immer 60 Minuten. Warum also gibt es Phasen, in denen sich die Zeit wie Kaugummi zieht und dann wieder Phasen, die schneller vorbei zu sein scheinen als man auf die Uhr sehen kann? 

Mich hat dieses Rätsel total interessiert und ich hab mich mal eingelesen: Wissenschaftlich gesehen ist es so, dass bei neuen oder emotionalen Ereignissen die sogenannte Amygdala (das Alarmsystem des Gehirns, und der Filter dafür welche Erinnerungen ins Langzeitgedächtnis dürfen) aktiviert wird und jedes Detail der Erfahrung abspeichert. Umso profunder und detaillierter, umso länger bleibt die Erinnerung erhalten. Das erklärt also zu gewissen Teilen, warum wir fühlen dass die Zeit im Alter schneller vergeht und uns die Sommerferien als Kinder endlos vorkamen. Umso vertrauter und bekannter unsere Welt uns wird, umso weniger neue Infos speichert das Gehirn ab und umso schneller scheint die Zeit zu vergehen. 

Wenn du also in einem besonders strukturierten Alltag steckst, am Abend schon genau weißt wie dein nächster Tag aussehen wird und kein Spielraum mehr für Überraschungen bleibt - dann wird sich wahrscheinlich ein Gefühl von „verpasster Zeit“ einstellen. 

Die gute Nachricht ist: Wenn du das erkannt hast, liegt es auch in deiner Hand eine Änderung herbeizuführen. Ich selbst sehe das an meinem eigenen Leben, denn ich kann 5 Jahre Festanstellung mit 5 Jahren Selbstständigkeit vergleichen. Während in meinem geregelten Job mit prall gefülltem Terminkalender die Tage oftmals ineinander verschwammen, waren meine letzten 5 Jahren vollgepackt mit einer riesigen Bandbreite an Erfahrungen. Auch durch das digitale Nomadentum gab es kaum noch Alltag für mich. Dafür neue Projekte und Ideen, Reisen auf unbekannten und ausgetretenen Pfaden, das Kennenlernen von unterschiedlichsten Lebensentwürfen und immer neuen inspirierenden Menschen, das Entdecken von verrückten Hobbies und Themengebieten außerhalb meiner Komfortzone. Es gab auch schwere Zeiten und auf jeden Fall mindestens genauso viel Schmerz und Trauer wie für jeden anderen. Es war sicher nicht der bequemste Weg und teilweise auch gewaltig anstrengend (Lies gerne nach, warum wir inzwischen wieder einen festen Wohnsitz haben). Aber ich habe inzwischen nicht mehr das Gefühl, dass mein Leben an mir vorbeizieht ohne dass ich es mitbekomme. Im Gegenteil, es fühlt sich an als hätte ich schon mindestens ein ganzes Menschenleben ausgekostet und es macht mich einfach glücklich zu wissen dass immernoch so viel vor mir liegt. Denn am Ende, wenn ich meinem Leben irgendeinen Zweck oder Sinn zuweisen müsste, wäre es wohl „Mache das beste aus der Zeit die du hier bist und versuche dabei auch ein bißchen was Gutes zu tun.“ MAKE IT COUNT eben. 

Es geht also nicht darum, wie schnell die Zeit tatsächlich vergeht, und auch nicht darum wie voll unsere Terminkalender sind, sondern (wie so oft) wie wir die Zeit wahrnehmen. Und das können wir dadurch beeinflussen, dass wir der Amygdala viele Gründe geben, unser Langzeitgedächtnis anzureichern. Eigentlich neigen wir Menschen zu Routinen. Denn für unser Gehirn ist es leichter, uns durch die Welt zu navigieren, wenn wir nicht bewusst jeden kleinen Moment neu einordnen und kategorisieren müssen. Deshalb können viele Menschen einen Dienstag Morgen nicht von einem Donnerstag Morgen unterscheiden. Aufstehen, Zähne putzen, Duschen, Kaffee machen - all das läuft fast komplett auf Autopilot. 

Und so bequem solche Routinen sind, so einfach können sie einem im Weg stehen, das Leben achtsam in vollen Zügen wahrzunehmen. Denn in einem Alltag auf Autopilot werden nunmal keine neuen Erinnerungen gebildet. Und manchmal fasst das Gehirn dann ganze Phasen des Lebens zusammen - z.B. die Zeit in einem bestimmten Job, einer bestimmten Stadt, „die Zeit als die Kinder klein waren“ oder „das Studium“. 

Stell dir doch selbst mal die Frage: Wenn du auf dein Leben zurückblickst, welche Phasen kamen dir am Längsten und am Lebendigsten vor? Die Wissenschaft hat auch hier eine Tendenz: Für Viele sind es die Jahre zwischen 6 und 21, denn hier passiert die meiste Veränderung, die größte Lernkurve und Vieles zum ersten Mal. Die erste Liebe, die erste eigene Wohnung etc. Mit den Jahren werden die prägenden Erfahrungen dann tendenziell seltener. 

Wir ermutigen dich also, oft neue Dinge zu probieren und immer offen für Veränderungen, neue Menschen, Ideen und Aufgaben zu bleiben. Es gibt sicher Phasen im Leben, da helfen uns Routinen enorm dabei den Kopf über Wasser zu behalten. Aber wenn du dich momentan nach einem abwechslungsreicheren und selbstbestimmteren Leben sehnst, dann gilt es Routinen wieder abzustellen. Und wahrscheinlich wird dir mit dem Erleben neuer Dinge auch das Gefühl abhanden kommen, dass dir die Zeit zwischen den Händen hindurchrieselt. Einige Ideen, um deine Routinen auf den Kopf zu stellen:

  • Sorge dafür, dass du jeden Monat ein Highlight erlebst. Setz dich gerne heute nochmal in Ruhe hin und schreib dir für jeden Monat des letzten Jahres auf was dein Highlight war. Wir machen das jedes Jahr zum Geburtstag. Es führt uns vor Augen was uns besonders berührt, verändert oder beeindruckt hat, so dass wir mehr davon planen können. 

  • Triff dich regelmäßig mit neuen Leuten (z.B. auf unseren Veranstaltungen). Der Austausch mit Anderen war für uns super oft der Schlüssel zu neuen Erinnerungen oder Anstoß zu Veränderungen. Eines von Nicos Highlights im letzten Monat war das Dinnerevent von dem er ultra motiviert zurück kam. 

  • Tu etwas das dich aus deiner Komfortzone bringt. Ich war vor Kurzem beim Ecstatic Dance und werde das auch nicht so schnell vergessen…

  • Bemühe dich, etwas Neues zu lernen. Buche zum Beispiel einen interessanten Movement Workshop, eine Kräuterwanderung oder ein Meditations Wochenende.

All diese kleinen Dinge werden dein Gehirn wieder aufwecken und die Zeit für dich verlangsamen. Du musst dafür weder Job noch Wohnung kündigen und dein gesamtes Leben auf den Kopf stellen (kannst du natürlich :-)). Für Nico und mich ist der Drang Neues zu lernen und auszuprobieren inzwischen ein fester Teil unseres Lebens. Dieses Jahr baue ich zum ersten Mal Gemüse auf dem Balkon an und dank meiner Mama habe ich gelernt, eine Nähmaschine zu bedienen. Beides mal war die Lernkurve gewaltig. Ich bin schon gespannt, was als nächstes kommt…