2 Zimmer, Küche, Bad

 

Fast 4 Jahre ist es nun her, dass wir unser letztes „Zuhause“ (eine Wohnung in München) aufgegeben haben. Stattdessen haben wir unsere Rucksäcke gepackt und waren seitdem als „Nomaden“ unterwegs. Konkret bedeutete das: maximal 4 Monate am Stück an einem Ort (oft auch nur Tage oder Wochen).

Diese Möglichkeit von überall aus arbeiten zu können, neue Länder und Kulturen kennenzulernen und ungebunden zu sein war der große Traum. Das große Stichwort dieses Abschnitts hieß Freiheit - von uns als örtliche Freiheit interpretiert. Es war und ist bis heute eine einmalige Zeit mit unschätzbar intensiven Erfahrungen und viel Inspiration. Aber zunehmend merkten wir dass es auch eine anstrengende Art zu leben ist. 

Keine feste Wohnung zu haben bedeutet sich immer wieder neu entscheiden zu „müssen“, wo wollen wir nächste Woche / nächsten Monat / nächstes Jahr sein. Der Kopf beschäftigt sich dann mit Zukunftsszenarien anstatt im Moment zu sein. Wollen wir den Frühling lieber in Berlin (+ viele Bekannte / - laute Stadt) oder doch auf Mallorca (+ Natur & Sonne / - sehr isoliert) verbringen. Was sich wie ein absoluter Luxus anhört (und teilweise auch ist) kann, wenn es zur Pflicht wird, im besten Fall herausfordernd und im schlimmsten Fall belastend werden. Man ist nie lange genug an einem Ort um wirklich „anzukommen“. 

Ständig den Ort zu wechseln bedeutet: wenig / keine Freunde vor Ort haben, sich neu orientieren müssen und latent den Druck zu spüren, die neue Umgebung mit all ihren Highlights auch nutzen zu wollen. Hinzu kommt fast jede Woche in neuen Betten aufzuwachen, den Lichtschalter zu suchen oder sich mit einer schlecht eingerichteten Küche anzufreunden.

Diese Bilanz klingt negativ. Mit Absicht stellen wir hier die Schattenseiten heraus, denn über diese spricht man (leider) seltener. Wir haben die letzten 4 Jahre geliebt und in vollen Zügen genossen. Aber wir begreifen sie jetzt als Phase, nicht als Lebensstil - anders gesagt: wir sind dem Nomadentum etwas müde geworden… Unser Fernweh ist (vorerst) gestillt und macht Platz für Heimweh. Es wird Zeit sich wieder eine Basis zu suchen.

Solch ein Erkenntnisprozess ist natürlich nicht einfach. Etwa ein Jahr hat er bei uns gedauert. In einem Moment ist man müde & erschöpft vom ständigen Packen und Reisen, im anderen Moment ist man unglaublich dankbar so flexibel zu sein, spontan neue Pläne machen zu können. Wir waren oft verwirrt und wussten nicht was wir wirklich wollen - und auch ob wir beide noch dasselbe wollen. Eine Situation die sicher Vielen bekannt vorkommt - unabhängig vom Thema. Manchmal hatten wir auch Angst, dass wir nirgendwo mehr richtig hingehören. Viele, die uns kennengelernt haben, mag das überraschen. Wir wissen auch, dass man das von außen nicht immer sieht. Dies ist auch eine Erkenntnis, die wir in dieser Zeit gewonnen haben: JEDER von uns kämpft mit irgendetwas. So schön das Leben der „anderen“ von außen auch immer scheinen mag. Nichts ist perfekt und man ist mit den eigenen Problemen niemals alleine. 

Eine Mietwohnung zu nehmen hört sich nicht nach dem allergrößten Schritt an. Aber für uns ist das eine wesentliche Veränderung und erfordert eine gehörige Portion Mut. Denn unsere Beziehung und unser „Alltag“ hat sich auf ständige Veränderung eingependelt. Wir funktionieren als Paar sehr gut, wenn wir mit wechselnden Orten & Eindrücken konfrontiert werden. Wieder eine Basis zu haben bedeutet massive Entschleunigung. Wir stellen uns zumindest vor, dass dann deutlich mehr Zeit und Energie für neue Projekte, Hobbies und Freunde bleiben. 

Wo lässt man sich nieder, wenn man nirgendwo hin „muss“? Wir haben keinen festen Arbeitsplatz in einer bestimmten Stadt und unsere Familien & Freunde sind verteilt über ganz Deutschland, wenn nicht sogar Europa. Wir haben viele schöne Orte gesehen, so dass der Anspruch mittlerweile ziemlich hoch ist. Am Ende des Tages haben wir uns entschlossen, dort anzukommen wo wir uns am Ehesten wie wir selber fühlen können: In der Natur. Nah an den Bergen, aber nicht zu weit weg von München (Freunde, ICE-Bahnhof, Flughafen). Nach intensiven Online Recherchen und einer schlaflose Nacht war uns eigentlich klar, wo wir hingehören. Nach Schliersee in Oberbayern. Ironischerweise kein neuer Ort für uns, sind wir doch schon während unserer Zeit in München immer wieder zum Wandern in diese Region gefahren. 

Also haben wir unser Zelt gepackt und sind hierhergefahren um Wohnungen anzuschauen (es gibt nur sehr wenige) und die Region noch besser kennen zu lernen. Und es fühlt sich einfach richtig an. Harte Kriterien für die Ortswahl sind das Eine, aber das Bauchgefühl muss stimmen. Und das hat hier für uns absolut gepasst. Freiheit bedeutet für uns inzwischen nicht mehr die Unabhängigkeit von einem Ort. Im Gegenteil - wir haben erkannt welche Freiheiten uns eine Basis geben kann.

Wir haben gelernt: die wichtigen Entscheidungen im Leben brauchen Zeit und schlaflose Nächte und das ist auch okay. Es lässt sich nicht alles planen, ehrlich gesagt sogar ziemlich wenig. Wichtig ist zu erkennen, wann im Leben eine Veränderung nötig ist damit man weiterhin glücklich sein kann. Und wenn dieser Prozess angestoßen ist, fällt manchmal eben alles wie magisch zusammen und es passt einfach (wir haben übrigens keine Ahnung warum und wie das passiert...). Das ist dann etwas, das der Bauch versteht und nicht der Kopf. Hierzu geben wir euch noch ein wunderbares Zitat mit auf den Weg:

“We must be willing to get rid of the life we've planned, so as to have the life that is waiting for us“ - Joseph Campbell. 

Während wir diese Zeilen also schreiben warten wir auf die Zusage für eine traumhafte Mietwohnung. Drückt uns die Daumen, dann könnt ihr uns bald zum Wandern am Schliersee besuchen. 

Dann sind wir endlich wieder „Dahoam“. 

 
Nico RichterKommentieren