Eine Erfahrung fürs Leben
Was wir nach 4,5 Monaten Traveling Village über Gemeinschaft und uns selbst gelernt haben
Vor drei Wochen ging das Travelling Village zu Ende.
Nach ein wenig Abstand, viel frischer Luft, Zeit mit Freunden daheim und etwas zu wenig Ruhe schaffe ich es jetzt endlich, meine Learnings aufzuschreiben.
Es war intensiv. Zu intensiv?
Am Ende waren wir müde. Ich denke, das lag an mehreren Faktoren: der ständige soziale Austausch, ein voller Kalender, intensive und teils große Städte, fremde Kulturen und die niemals schweigenden WhatsApp-Gruppen.
Die Intensität macht uns Spaß, so ist es nicht. Aber wir müssten das Ganze vielleicht etwas ruhiger angehen lassen. Mehr Zeit zum Runterkommen, öfter mal offline sein und die Community auch mal Community sein lassen. Um selber aufzutanken.
FOMO is real
Unsere Herausforderung ist, dass wir einfach auch Bock haben, alles aufzusaugen. Die Dinge, die angeboten werden, auch wirklich mitzumachen. Hier könnten wir wahrscheinlich noch besser werden: im bewussten Nein-Sagen zu Aktivitäten. Und stattdessen vielleicht mal für ein paar Tage rausziehen. In die Natur zum Beispiel.
Wachstum vs. Überforderung
Es macht Spaß, Neues zu entdecken. Und ich glaube auch, dass es einen geistig fit hält und den Horizont erweitert. Aber wie viel neuer Input ist nötig und wo fängt die Überforderung an? Das ist bei dieser Art des Lebens und Reisens gar nicht so leicht zu beantworten. Familien, die schon länger unterwegs sind, haben da teilweise eine bessere Balance gefunden.
Es muss nicht alles „schön“ sein
Der Wachstums- und Erkenntnisprozess findet meist erst statt, wenn es auch mal weh tut. Wenn Reibung passiert und es sich nicht nur nach dem perfekten Urlaub anfühlt.
Das hat mir Nikolaj, der Gründer von TV, am Ende auch noch mal gespiegelt. Und ich denke, er hat recht. Die Intensität und die Länge haben eben genau dazu geführt, dass diese Zeit immer noch viel in meinem Kopf ist und ich daraus versuche, Erkenntnisse zu gewinnen. Das wäre nach drei Wochen entspannter Gruppenreise eher nicht passiert.
Community ist großartig — hat aber auch ihren Preis
Ich fange jetzt nicht an, alle Vorteile vom Reisen und Leben in Gemeinschaft aufzuzählen. Es sind viele. Aber das große Angebot an interessanten Menschen und Aktivitäten führt auch dazu, dass man weniger Zeit als Paar oder Kernfamilie hat.
Das sollte man berücksichtigen und aktiv Zeit dafür blocken. Das würden wir bei einer nächsten Reise dieser Art versuchen, ein bisschen besser zu machen.
Konflikte gehören dazu. Und sollten gelöst werden.
Dass bei 19 Familien und einem intensiven Gemeinschaftsleben auch mal Konflikte entstehen, ist, glaube ich, normal. Vor allem, wenn man phasenweise zusammen in einer Unterkunft lebt und auch gemeinsam finanzielle Entscheidungen treffen muss.
Bei dieser Art von Gruppengröße kann man auch nicht erwarten, dass alle beste Freunde sind. Wichtig ist nur, dass man auch bei Meinungsverschiedenheiten weiterhin versucht, gut zu kommunizieren.
Das hat nicht immer geklappt. Auch, denke ich, weil viel Kommunikation digital stattfand. Das eine oder andere klärende persönliche Gespräch mehr hätte der Gruppe vielleicht gutgetan. Auch wenn sich manche Konflikte mit der Zeit auch wieder von selber lösen.
Erfolgsrezept: Alle lassen sich ein
Ein großer Vorteil des Travelling Village ist der Fokus auf die Gemeinschaft. Abgesehen von ein paar Besuchern — Eltern, Geschwistern und anderen Gästen — waren wir unter uns.
Das führt dazu, dass man immer jemanden findet für Spikeball, Dinner, Playdates, Gespräche oder Sport.
Das ist hier zuhause anders. Neben Arbeit und Schule haben alle unsere Freunde und Nachbarn halt auch noch ihre anderen Freunde und Familien, die um die knappe Ressource Zeit konkurrieren.
Dementsprechend schwieriger ist es hier, ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl aufzubauen. Es gibt keine geschlossene Gruppe wie während des Travelling Village. Alles ist etwas unverbindlicher. Die Ablenkung von außen größer.
Sind 19 Familien zu viel?
Da bin ich mir persönlich nicht sicher. Auf der einen Seite steht der große Vorteil, dass bei dieser Anzahl an Individuen sicher jeder jemanden findet, mit dem er oder sie gut kann. Das gilt sowohl für Erwachsene als auch für Kinder.
Auf der anderen Seite haben wir gemerkt, dass diese Größe dazu führt, dass die All-Family-Events, also wenn die große Gruppe zusammenkam, für einige eher überfordernd waren. Gerade etwas zurückhaltende Kinder und Erwachsene haben dann Probleme, sich in die Dynamik zu integrieren.
Größe vs. Tiefe
Je größer die Gruppe, desto oberflächlicher oft die Kommunikation. Bei den Treffen der großen Gruppen wurde dann häufig vor allem Smalltalk ausgetauscht.
Auch das kann schön sein und hat durchaus seine Berechtigung. In unseren Augen würde das Village aber noch lohnenswerter werden, wenn die Gruppengröße etwas kleiner wäre oder es mehr Treffen in kleineren Gruppen gäbe.
Sowohl die Tiefe der Gespräche und Spiele als auch die Diversität der Freundschaften könnten davon profitieren.
Zu homogen?
Verschiedene Nationalitäten, kulturelle Hintergründe und Kinder jeden Alters. Was auf den ersten Blick aussieht wie eine bunte Truppe, war dann doch irgendwie sehr gleich.
Alle Teilnehmer waren Familien mit Kindern. Keine alten Menschen. Keine Mittzwanziger. Keine Singles.
Vielleicht würden der Gemeinschaft erwachsene Menschen guttun, die nicht ständig nach den eigenen Kindern schauen müssten, sondern vielleicht Erfüllung darin fänden, innerhalb der Gemeinschaft zu helfen.
Damit könnte man eventuell einigen Familien helfen und das Gesamterlebnis noch vielfältiger machen. Ich habe keine Ahnung, ob das machbar und praktikabel ist. Aber einen Gedankengang ist es auf jeden Fall wert.
Verdammtes Handy
Mir war es dann doch zu viel Kommunikation über WhatsApp. Man hatte die Wahl zwischen ständig mitlesen — und damit das Handy dauernd in der Hand halten — oder die Nachrichten zeitweise ignorieren und dann am Abend überfordert sein oder Aktivitäten verpassen.
Es ist halt sehr viel spontane Kommunikation nötig, ich verstehe das schon. Es fühlt sich aber trotzdem falsch an.
Vielleicht könnte man durch eine gewisse Entschleunigung des Village-Alltags und verstärkte Routinen auch eine geringere Kommunikationslast erreichen. Aber das ist mit fünf Wochen an einem Ort halt schwierig zu bewerkstelligen.
Vielleicht könnte ich auch für mich bessere Routinen finden, um mit dieser Art der Kommunikation umzugehen und gleichzeitig unseren Alltag langsamer zu gestalten.
Muss man dazu so weit fliegen?
Für uns stand die Community definitiv im Vordergrund. Alleine wären wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht in diese Länder gereist.
Wir haben es aber auch genossen, neue Orte kennenzulernen und fremde Kulturen aufzusaugen. Dennoch kann man die Frage stellen, ob ein ähnliches Erlebnis in weniger fremden Ländern auch möglich gewesen wäre.
Klar, das angenehme Klima zu bestimmten Jahreszeiten spielt auch eine wichtige Rolle. Und das findet man in Europa oder Nordamerika im Winter nun mal nicht so einfach. Von daher fällt es wohl auch in die Kategorie Wachstumserfahrung.
Land und Kultur wirklich kennengelernt?
Fünf Wochen an einem Ort. Volles Programm. Viel Fokus auf Community. Da bleibt kaum Raum und Zeit, um das Land, in dem man ist, wirklich kennenzulernen.
Vielleicht müsste man die Hauptphasen oder die Pausen noch länger gestalten. Aber vielleicht ist es auch okay, nicht alles gleichzeitig haben zu können.
Coliving ist großartig
Für uns war eine der größten Erkenntnisse, dass wir alle das Coliving sehr genossen haben.
Die spontanen Begegnungen zwischen Kindern, aber auch für die Erwachsenen, ohne großen Planungsaufwand, sind Gold wert.
Man lernt die Menschen, mit denen man zusammenlebt, viel intensiver kennen. Vor allem diejenigen, die sonst in großen Gruppen eher stiller sind.
Unsere Crowd
Auch wenn die teilnehmenden Familien aus vielen verschiedenen Ländern kamen, hatten die grundsätzlichen Werte eine große Deckungsgleichheit.
Wir haben uns gut aufgehoben gefühlt bei Menschen, denen Freiheit — sowohl für sich selber als auch für ihre Kinder — ähnlich wichtig ist wie uns.
Wir haben so viele wunderbare Menschen kennengelernt, von denen man sich für das eigene Familienleben inspirieren lassen kann.
Unser Kind neu kennenlernen
Wenn man sich aus bekannten Umfeldern herausbegibt und die eigene Komfortzone verlässt, entsteht Wachstum.
Bei unserer Tochter haben wir das vor allem daran gesehen, wie flexibel und ausdauernd sie mit anderen Kindern spielen kann. Solange es kleinere Gruppen sind — ein bis drei andere Kinder — kann sie sowohl mit den wilden als auch mit den ruhigen Kindern.
Lediglich die großen Gruppen stellen sie nach wie vor vor Herausforderungen, was das Thema Schule nicht einfacher machen wird.
Generell bleibt die Erkenntnis hängen, dass sich in großen Gruppen extrovertierte Kinder leichter tun. Ruhigere und zurückhaltende Kinder brauchen kleinere Gruppen, um ihr volles Potenzial zu entfalten.
Gesunde Routinen sind schwer umzusetzen
Es bedarf schon einer Menge Disziplin, die gesunden Routinen während dieser Art des Lebens und Reisens aufrechtzuerhalten.
Egal ob ausreichend Schlaf, genug artgerechte Bewegung, Zeit für Entspannung, eine ausgewogene Ernährung, nicht zu viel Junkfood oder die Verfügbarkeit der passenden Supplements: Alles ist einen Tick schwieriger und fällt somit öfter mal hinten runter.
Sollten wir in Zukunft mal wieder an so einem Event teilnehmen, müssen wir uns etwas einfallen lassen, damit die Gesundheit langfristig nicht allzu sehr darunter leidet.
Das Nervensystem ständig auf Anschlag
Ein zentraler Aspekt der Gesundheitspflege ist für mich mein Nervensystem.
Ich bin vom Typ her eh schon daueraktiviert und habe Probleme, eine ruhige Kugel zu schieben. In diesem Umfeld mit ständiger Ansprache, vollem Programm und nicht endenden Highlights tue ich mich dementsprechend noch schwerer, mein Nervensystem zu beruhigen.
Auch hier müsste ich passende Routinen — Massage, Stachelmatte, Sauna, Atemübungen — priorisieren, um langfristig bei Verstand zu bleiben.
Städte sind auf Dauer zu stressig für uns
Für diese Art des Reisens und Zusammenlebens braucht man die passende Infrastruktur: Wohnraum, Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Community-Spaces. Und die findet man vor allem in Städten.
Für uns hat auf Dauer aber der einfache Zugang zur Natur gefehlt. Fast immer musste man entweder mit dem Roller, Fahrrad oder Bus erst irgendwo hinfahren, um echte Natur und Ruhe zu haben.
Das stresst auf Dauer. Für zukünftige Events würde ich mir mehr Natur wünschen. In diesem Aspekt hatte der Campervan-Trip, also TV2, die Nase ganz klar vorn.
Schule ist nicht die einzige Lösung
Viereinhalb Monate waren wir umgeben von Familien, die das Thema Bildung anders angehen als unser Umfeld in Deutschland.
Unschooling, Worldschooling, Homeschooling — die Kinder lernen durchs Reisen, werden von den Eltern unterrichtet oder verbringen auch mal Phasen an internationalen Schulen in der ganzen Welt.
Es war spannend zu sehen, dass es auch anders geht. Vor allem in einer sich schnell verändernden Welt mit neuen Herausforderungen und größerer Mobilität scheint die deutsche Schulpflicht etwas überholt.
Da würden wir uns mehr Flexibilität wünschen, um idealerweise Schule und Reisen miteinander zu kombinieren.
Schauen wir mal.
Freundschaften, die bleiben?
Auch wenn wir am Ende bereit waren für zuhause: Ein paar Tränen gab es schon.
So viele herzliche Menschen, mit denen wir Außergewöhnliches erlebt haben. Leider geht man nach viereinhalb Monaten getrennte Wege. Viele werden wir wohl nie wiedersehen. Mit einigen aber bestimmt den Kontakt halten.
Und hoffentlich auch in der echten Welt. Denn der ausschließlich digitale Kontakt ist mir nicht genug.
Würden wir es wieder tun?
Auf jeden Fall.
Vielleicht mit kleinen Verbesserungen hier und da am Event an sich. Und mit mehr gesunden Routinen für uns als Individuen und als Familie.
Aber ja. Die Kombination von Reisen und Community war großartig.
Lebendigkeit zählt
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir Lebendigkeit suchen.
Ein Leben, das sich intensiv anfühlt. Nicht gewöhnlich.
Dafür gibt es nicht den einen perfekten Lebensentwurf. Es ist eher eine ständige Suche nach Balance. Sich selbst und das eigene Umfeld immer wieder hinterfragen, den Kurs anpassen, Neues ausprobieren, wieder korrigieren.
Abenteuer erleben. Daraus lernen. Und von vorne beginnen.


