Schlaflos in Korea
Zwischen müden Nächten, Großstadttrubel und der langsam wachsenden Vorfreude auf zu Hause.
Matilda hat gestern Abend ihren ersten Milchzahn verloren. Gleichzeitig kämpft sie noch mit den Spätfolgen einer Erkältung und schnarcht wie ich nach drei Maß Bier und einem Schweinebraten.
Dementsprechend unruhig waren die letzten Nächte. Heute war ich dann gegen 2 Uhr wach und konnte nicht mehr einschlafen. Als ich zwei Stunden und diverse Atemübungen später immer noch hellwach war, bin ich einfach aufgestanden und spazieren gegangen. Am Wasser entlang, immer Richtung Osten, der Sonne entgegen. Das tat gut. Einfach mal laufen. Ruhe. Keine Leute.
Denn das letzte Drittel des Traveling Village hier in Busan ist irgendwie anstrengender als gedacht. Und diese Schlaflosigkeit passt auch ins Bild. Alle wirken etwas überstimuliert. Sowohl unsere Familie als auch das ganze „Village“. Nach fast vier Monaten Nonstop-Gemeinschaft und intensivem Reisen in fremden Kulturen ist das aber wohl auch nicht verwunderlich.
Aber wie immer existieren mehrere Gefühle gleichzeitig.
Auf der einen Seite ist man müde. Von neuen Eindrücken. Dem seltenen Rückzug. Der fast nicht vorhandenen Alleinzeit. Dem ungewohnten Essen. Dem konstanten Angebot an sozialer Interaktion.
Auf der anderen Seite will man auch nichts verpassen. Alles aufsaugen. Dieses einmalige Setup nutzen. Sich mit den Menschen verbinden. Sich mit Gleichgesinnten austauschen. Die fremde Kultur erkunden. Neues probieren.
Es ist wie immer intensiv.
Keine Liebe auf den ersten Blick
Busan — über drei Millionen Einwohner, ganz im Süden von Korea — ist aber auch kein Ort, um wirklich zu entspannen und mal langsamer zu machen. Wir wohnen mitten im Touristen-Hotspot Haeundae. Zwar hat man dadurch eine tolle Infrastruktur und viele Restaurants um die Ecke. Aber eben auch ständig Leuchtreklame, intensive Gerüche und den krassen Kommerz im Gesicht.
Die Entfernungen zu anderen Highlights in der Stadt sind meist groß und nur mit Metro oder Taxi zu überbrücken. Die Ausflüge sind dadurch aufwändiger zu planen. Und man macht weniger davon. Was wiederum dazu führt, dass man das Gefühl hat, die Stadt und das Land nicht wirklich kennenzulernen.
Das liegt wohl auch am Konzept des Traveling Village. Fünf Wochen an einem Ort. Leben wir hier schon? Oder reisen wir noch? Wollen wir alles erkunden? Oder nur in Gemeinschaft an einem fremden Ort sein?
Wie man sieht, ist es nach wie vor ein Experiment.
Highlights gibt es dennoch
Klar, nach so einer „schlaflosen“ Nacht überwiegen schnell mal die Kritikpunkte. Nichtsdestotrotz haben wir hier eine gute Zeit. Allen voran das Coliving — diesmal mit drei anderen Familien und Dachterrasse — macht diesen Ort besonders. Und auch Busan hatte bisher schon einige Höhepunkte zu bieten:
ein grandioser Karaokeabend mit den anderen Männern aus dem Village
Grillabende auf unserer Coliving-Dachterrasse
ausgiebige Spikeball-Sessions am Strand und Diskussionen über den fairsten Turnierbaum
Wanderung und Trail Run auf den Hausberg
Besuch des Beomeosa-Tempels, eingebettet in wunderschöne Natur und bereits geschmückt für Buddhas Geburtstag
eine City & Food Tour mit interessanten Einblicken in die koreanische Kultur
guter Kaffee und eine riesige Auswahl an Coffee Shops und Bäckereien — Salt Bread!
hervorragendes Bibimbap und Korean Barbecue
Schnupperkurse in Bogenschießen und Taekwondo für Matilda
eine beeindruckende Drohnenshow am Gwangalli Beach
gute Gespräche und Spieleabende in unserem Coliving
Die Vorfreude auf „zu Hause“ steigt
Langsam neigt sich dieses Abenteuer dem Ende entgegen. Und der Fokus verschiebt sich auf die Zeit danach. Auch wenn man sich leicht vom Reisefieber der anderen Familien anstecken lässt — direkt im Anschluss nach Japan? — sind wir doch froh, bald nach Hause zu können.
Klare Luft. Schlafen mit offenem Fenster bei milden Temperaturen und ohne Straßenlärm. Die Berge und den See vor der Haustür. Vertraute Lebensmittel im Supermarkt.
Der Sommer steht an. Wir freuen uns auf unsere Familie, Freunde und Nachbarn.
Aber 2,5 Wochen haben wir hier ja noch vor uns. Und die wollen wir noch nutzen.




















