Zwischen den Welten
Über Freiheit, Stabilität – und den Wunsch, sich nicht festlegen zu müssen.
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Unser Leben fühlt sich gerade an wie in einer Zwischenwelt.
Die eine Welt
…ist die Welt der „traveling families“, Unschooler, Homeschooler & Worldschooler. Hier im Traveling Village sind wir umgeben von Familien, die (größtenteils) nicht im „System“ sind, ihre Kinder (teilweise) selbst unterrichten und entweder kein Zuhause haben oder dieses für sehr lange Zeit im Jahr hinter sich lassen.
Es sind Menschen, die auf der einen Seite hungrig nach Veränderung und neuen Eindrücken sind, auf der anderen Seite aber Anschluss und Community suchen. Eltern, die es sich erlauben können zu reisen, weil sie entweder remote arbeiten, selbstständig sind oder eine lange „Pause“ machen. Meist kommen sie aus Ländern, in denen es einfach ist, Kinder (zumindest phasenweise) nicht in die Schule zu schicken.
Es sind dementsprechend auch viele Kinder dabei, die noch nie einen Kindergarten oder eine Schule von innen gesehen haben. Ob dabei die Lifestyle-Wünsche der Eltern oder die Bedürfnisse der Kinder die größere Rolle spielen, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Auch ob diesen Kindern langfristig etwas fehlt oder sie gerade durch die Freiheit besonders aufblühen, kann ich nicht wirklich einschätzen.
Es sind definitiv Menschen, die sich viele Gedanken machen und ihr Leben aktiv gestalten. Und das ist nicht immer einfach: Alle paar Wochen oder Monate müssen neue Entscheidungen bezüglich Ort, Unterkunft und Community getroffen werden. Es bedeutet intensive Familienzeit, weil eine Fremdbetreuung oft schwer zu organisieren ist.
Weil Gemeinschaft in dieser Welt bewusst entsteht, ist sie auch viel lebendiger. Community und Freunde sind quasi immer verfügbar – auch weil es keinen Ort gibt, an dem Erwachsene oder Kinder jeden Tag erscheinen müssen. Man ist sich näher und teilweise auch abhängiger voneinander. Dadurch entstehen Konflikte. Gleichzeitig ist vieles weniger verbindlich, weil sich ein Großteil der Familien nach dem Trip wohl nie wiedersehen wird. Das wiederum bringt eine gewisse Leichtigkeit mit sich.
Diese Welt der „Nomaden“ kennen wir mittlerweile ganz gut. Vier Jahre haben wir so als Paar gelebt. Und auch mit unserer Tochter sind wir in den letzten beiden Jahren tief in diese Welt eingetaucht.
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Die andere Welt
…ist die Welt im deutschen „System“. Viele unserer Freunde und Nachbarn in Deutschland leben so. Mindestens ein Elternteil, oft beide, gehen einer Erwerbstätigkeit nach, bei der physische Anwesenheit zumindest punktuell nötig ist. Es gibt nur wenige Kinder, die nicht in den Kindergarten gehen. Und eigentlich alle Kinder gehen in die Schule.
Sie haben ja auch keine Wahl – die deutsche Schulpflicht ist nicht leicht zu umgehen.
Der Alltag hat Rhythmus und Struktur. An den Wochenenden trifft man Freunde und Familie, gereist wird in den Schulferien – gleichzeitig mit allen anderen. Was diesen Familien vielleicht an Freiheit fehlt, haben sie dafür an Stabilität. Man ist an einem Ort, kann langfristige Freundschaften aufbauen und Hobbys nachgehen. Man kennt die Nachbarn, den Bäcker und den Gemüsehändler. Menschen engagieren sich vor Ort.
Man lebt oft lange in seiner Nachbarschaft. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Verbindungen tiefer werden. Durch den vollen Alltag, die zeitliche Entzerrung, das viele Drinnensein und den eigenen (oft großen) Wohnraum ist es nicht immer einfach, tiefe Beziehungen aufzubauen. „Playdates“ muss man oft lange im Voraus planen. Sich spontan am Wochenende zu treffen, ist fast unmöglich geworden – weil alle verplant sind.
Michaela und ich sind in dieser Welt aufgewachsen. In Lehrerhaushalten. 13 Jahre Schule. Und alle unsere Freunde aus Deutschland schicken ihre Kinder in die Schule.
Eine Veränderung steht an
Unsere Tochter wird dieses Jahr sieben. Und damit kommt die Schulpflicht. Wir haben zum Glück einen Platz in unserer Wunschschule bekommen und werden ab Sommer in diese Welt eintauchen.
Ganz ehrlich: Wenn es die Schulpflicht nicht gäbe, hätten wir den Einstieg vermutlich noch ein bis zwei Jahre hinausgezögert. Aber so waren wir gezwungen, eine Entscheidung zu treffen.
Und wir sehen durchaus die Vorteile: mehr Struktur. Und hoffentlich auch wieder mehr Zeit und Energie für eigene Projekte und Interessen.
Ich möchte in beiden Welten leben.
Ich glaube, beide Welten haben ihre Vorteile. Und in beiden können wir uns zurechtfinden. Aber ich merke auch: Ich will alles. Das war schon immer so. Und Michaela ist da ähnlich.
Das Abenteuer. Die Flexibilität. Die Gemeinschaft. Die Verlässlichkeit. Die spannenden Projekte. Die Kinderbetreuung. Das freie Spiel für unsere Tochter. Die Schulbildung. Das Ausschlafen. Die tiefen Freundschaften. Den ständigen Sommer. Die Jahreszeiten. Ein Zuhause. Das ständige Aufbrechen. Die Zeit für Selbstverwirklichung.
Jetzt leben wir gerade in der ersten Welt. Und wir nehmen alles mit. Es ist eine super intensive Zeit.
Ab Sommer geht es in die zweite Welt. Und auch da möchte ich voll eintauchen und sie aktiv mitgestalten. So, dass sie für uns als Familie funktioniert.
Interessiert dich, was wir im Traveling Village so erleben? Dann schau mal hier.


