Über den Versuch langsamer zu werden
Kaffee, Unruhe und ein kleines Selbstexperiment
An English version of this article is available here.
Ich trinke jetzt seit gut zwei Monaten keinen Kaffee mehr. Ok, koffeinfrei. Aber das zählt eigentlich nicht. Warum ich das mache? Ich wollte mal wieder zur Ruhe kommen.
Warum ich Kaffee liebe
Ich liebe Kaffee. Den Geschmack – und die Wirkung. Dieses Gefühl von Energie, das kurz nach den ersten Schlücken durch den Körper strömt. Tatendrang. Die (vermeintliche) Produktivität.
Vor meinem „Entzug“ kam ich auf ca. 2–3 Tassen am Tag. Nicht super viel. Aber ich reagiere sensibel. Kaffee am Nachmittag bedeutet für mich: später & schlechter schlafen. Und trotzdem fand ich’s geil. Man kann mehr machen, braucht weniger Pausen. Mmhh.
Was mich daran stört
Irgendwann hatte ich immer stärker das Gefühl, dass Kaffee bei mir mit einer gewissen Unruhe zusammenhängt. Ich „mache“ viel, springe aber auch zwischen den Aufgaben – und komme seltener so richtig in den Flow. Und mir fehlt öfter dieses Gefühl, mir mal bewusst eine Pause zu gönnen. Herunterfahren. Regenerieren.
Warum ich überhaupt angefangen habe
Eigentlich habe ich von Haus aus gute Energie. Morgens Augen auf, Power on. Sport, Arbeiten – alles ohne große Startschwierigkeiten.
Im Studium habe ich fast keinen Kaffee getrunken. Mit dem Start ins Arbeitsleben ging’s langsam los (Latte Macchiato aus der Büromaschine). Richtig regelmäßig wurde es aber erst mit der Selbstständigkeit – und damals mit dem Paleo-Hype um Bulletproof Coffee (Kaffee mit viiieeel Fett). Das war so um 2013.
Und ja: Kaffee ist ein Suchtmittel. Zumindest für mich. Wenn ich mal unfreiwillig entzogen habe, gab’s die Quittung: Kopfschmerzen, Müdigkeit, manchmal sogar ein „Ziehen“ in den Nieren. Nicht gerade ein Qualitätsmerkmal.
Der Trigger
Der finale Trigger war meine Ärztin. Sie meinte, dass mein erhöhter Langzeitblutzucker auch stressbedingt sein könnte. Und ja – mit Kaffee fühle ich mich eher gestresst als ohne. Warum also nicht mal weglassen?
So bin ich raus
Meine Strategie: langsam ausschleichen statt kalter Entzug. Wir (ja, Michaela hat mitgemacht) haben den Anteil koffeinfreier Bohnen in der Maschine hochgefahren: 20 % – 40 % – 60 % – 80 % – 100 %. Über ca. zwei Wochen. Keine Kopfschmerzen. Kein Drama.
Jetzt trinke ich koffeinfrei. Oder auch mal Tee (woohooo). Geht auch.
Was sich verändert hat
Bringt es was? Ich glaube schon. Die generelle Unruhe ist besser geworden. Aber ganz ehrlich: Ich bin einfach ich. Ich will produktiv sein und liebe To-do-Listen. Ich habe Energie und will „was schaffen“, mich bewegen, was erleben. Dafür brauche ich keinen Extra-Treibstoff.
Aber ich schwebe jetzt auch nicht wie ein meditierender Mönch durch den Tag.
Wie es weitergeht
Ich würde gerne noch mehr „in mir ruhen“. Zumindest manchmal. Und da helfen mir andere Dinge mehr als nur etwas wegzulassen: Atemtechniken. Sport (danach bin ich ziemlich entspannt). Und ja, die ein oder andere Substanz kann auch unterstützen, mal herunterzufahren.
Ich will außerdem mehr ruhige Rituale in meinen Alltag bringen. Und weniger Reisen und ein geregelter Alltag würden vermutlich ebenfalls helfen. Aber das ist ein anderes Thema.
Alles nur eine Phase?
Ich kenne mich jetzt lange genug um zu wissen, das mein Geschwätz von heute morgen schon wieder völlig hinfällig sein kann. Das ist eine Momentaufnahme und für mich persönlich gerade ein guter Weg. Bei chronischem Schlafentzug oder hoher Arbeitsbelastung würde ich wahrscheinlich auch wieder zu Kaffee mit „Bumms“ wechseln. Also schauen wir mal, wie lange ich „ohne“ bleibe.


